STATION 2

Eine Berkel-Oper

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Eine Berkel-Oper von 1659

Am 6. Oktober 1659 wird von Schülern des Jesuitengymnasiums zur Einweihung der neu erbauten Citadelle St.-Ludgerusburg in Coesfeld in Anwesenheit des Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen ein “Musikalisches Spiel” aufgeführt.
“BERCULA CORONATA” (“GEKRÖNTE BERKEL”)
Text und Musik dieser kleinen Barockoper sind verschollen. Verfasser und Komponist sind nicht bekannt. Erhalten ist ein anonymes, lateinisch-deutsches Programmheft des Spiels. Es besteht aus vier Blatt (acht Textseiten). Es wurde im Jahr 1659 von Theodor Raesfeld in Münster gedruckt.

Deutsches Titelblatt “Gekrönte Berkel”, Coesfeld 1659 (Dombibliothek Hildesheim)

Das Werden einer Berkel-Oper

1653 ist Christoph Bernhard von Galen auf dem Regensburger Reichstag Zeuge von „politischer Propaganda“: Mit großem Aufwand hat nämlich Kaiser Ferdinand III. die versammelten Reichsstände durch die spektakuläre Aufführung der Oper L'inganno d`amore (die Täuschung der Liebe) nachhaltig beeindruckt. Sechs Jahre später wird in Coesfeld mit einem prächtigen dreitägigen Fest die St.-Ludgerusburg als neue Residenz des Fürstbischofs von Münster eingeweiht. In der angespannten Lage mit Münster nutzt von Galen ebenfalls die Feierlichkeiten, um alle Register der politischen Propaganda zu ziehen. Zum dritten Tag der Feierlichkeiten hat er den Herbst-Landtag 1659 in seine neue Residenz einberufen. Es kommen das Domkapitel, die Vertreter der Ritterschaft und der 13 Städte des Fürstbistums mit zahlreichem Anhang. Die vielleicht zu diesem Anlass gegründete Hofkapelle setzt das Drama Musicum BERCULA CORONATA in Szene. (Forschungsstand nach Jochen Thesmann in „Auf Roter Erde“, August 2022).

Die drei Akte

Die Flüsse treten als Personen auf: Im ersten Akt sonnt sich die Berkel im Glanz der an ihrem Ufer erbauten St.-Ludgerusburg und stellt sich gegen etwaige Neider unter den Schutz der Heiligen. Schon hetzt die Stadt Münster ihre Aa gegen die Berkel auf. Werse, Hase, Vechte und Stever schließen sich an. Sie wollen sich statt der Berkel lieber der Ems und Lippe unterwerfen. Das Stift Münster soll nun den Streit entscheiden. In Gestalt eines Balletts der zwölf Ämter betritt es die Bühne.
Im zweiten Akt wetteifern vor dem Schiedsgericht Lippe, Werse, Ems und Aa um ihre Vorrangstellung im Stift Münster: Der heilige Ludgerus habe an ihren Ufern zahlreiche Wunder gewirkt. Im anschließenden Ballett verspotten sie die Berkel.
Im dritten Akt spricht die Stadt Coesfeld für die Berkel: Der heilige Ludger habe seine letzte Predigt an dem Coesfelder Berkelufer gehalten. Außerdem habe er für das Coesfelder Kreuz drei Partikel des wahren Kreuzes Christi gestiftet. Schließlich schütze das Berkelwasser die Ludgerusburg und der Fürstbischof selbst habe seine Residenz an der Berkel errichtet. Daher müsse das Urteil zugunsten der Berkel ausfallen. Im Schlussballett müssen die anderen Flüsse sie zu ihrer Königin krönen. Widerspruch ist nicht vorgesehen. Es gilt der Wille des Landesherrn.

Erste Barockoper im Münsterland?

Der Streit zwischen den münsterländischen Flüssen steht hier symbolisch für die Auseinandersetzung des Fürstbischofs (die Berkel) mit der Landeshauptstadt Münster, den Landständen und der Ritterschaft (die Aa und die anderen Flüsse). Hintergrund ist die von Christoph Bernhard von Galen angestrebte uneingeschränkte Herrschaft im Zeitalter von Absolutismus und Gegenreformation. Mit dem Einweihungsfest der Ludgerusburg, das einer Initialzündung für eine gegenreformatorische Wende gleichkommt, findet der Konflikt auf allen Ebenen einen vorläufigen Höhepunkt. Erstmals hält der Barock, in all seiner Pracht und all seinen Ausprägungen, in Coesfeld Einzug. Coesfeld wird gegen den Widerstand Münsters formell zur neuen und, aus von Galens Sicht, legitimen Landeshauptstadt erhoben.
Zusammen mit den Jesuitenschauspielen vom Vortag zu St. Ludgerus und zu den Siegen Karls des Großen über die Sachsen werden in „BERCULA CORONATA“ zugleich historische und religiöse Traditionen inszeniert, die die Doppelrolle Christoph Bernhard von Galens als Hirte und Herrscher legitimieren sollen.
Es bleibt unsicher, ob „BERCULA CORONATA“ als die erste Oper des Münsterlandes gelten kann. Die alleinige Nennung der Hofkapelle als Aufführende ist ungewöhnlich. Christoph Bernhard von Galen muss um die propagandistisch-repräsentative, Gemeinschaft stiftende Wirkung der neuen Kunstform Oper gewusst haben. Vielleicht hat er aus diesem Grund eigens Musiker aus Bonn kommen lassen, die in der neuesten musikalischen Sprache Italiens geschult waren.

Letztes Blatt des deutschen Teils “Gekrönte Berkel” (Dombibliothek Hildesheim)